Freitag, 15. Mai 2020

E-Scooter und Muskelkraft, wie passt das zusammen (Test IO Hawak Exit Cross)

Einige werden sich fragen, was hat ein E-Scooter mit dem Thema “mobil mit Muskelkraft” zu tun. Diese Frage scheint erst einmal berechtigt. Jedoch war mein erklärtes Ziel, auf das Auto zu verzichten oder mindestens es so wenig wie möglich zu benutzen. Aus diesem Grund benutze ich sehr häufig die Bahn und kombiniere auch öfter Bahn und Rad. Manchmal hatte ich jedoch den Konflikt, dass ich auf weiten Strecken keinen ICE nehmen konnte, mangels Fahrradmitnahme. Das ist besonders ärgerlich wenn ich am Zielort nur kurze Strecken zu bewältigen habe die zu lang zum Laufen und zu kurz fürs Fahrrad sind. Auch fahre ich gerne auf langen Strecken 1. Klasse, mit dem Fahrrad hat man dann immer das Problem, der erste Wagen vom Zug ist das Fahrradabteil, der letzte Wagen dann die 1. Klasse. Also brauchte ich eine Alternative.

Mein erster Gedanke war ein Promton. Lässt sich klein falten und gilt dann als Gepäck. Jedoch mag ich einfach den normalen Fahrradsattel nicht, macht mir immer Schmerzen, egal wie gut und teuer er ist, darum fahre ich ja (unter anderem) Liegerad.

Zum anderen gibt es bei mir auch Tage, da habe ich einfach keine Lust mich auch nur irgendwie körperlich zu betätigen (nach Tagen mit extremer Sportlicher-Aktivität z.B.). Auch nicht bei mir vor der Haustüre oder nur Mal kurz zum bio-Markt.

Also richtete ich meinen Focus auf den Markt der E-Scooter. Einen Scooter ohne “E” fahre ich ja schon lange und dieser begleitete mich ja auch schon auf einigen Zugfahrten. Wusste also wie gut das geht, aber mit Rucksack und dann 6 - 7 Km mit nem Tretroller, das war es dann doch nicht. Also einer mit “E” sollte es sein. Durch meine Vorerfahrung gab es aber Kriterien die meine Auswahl bestimmten.

  1. Größe der Räder: Je größer desto besser.
  2. Breite der Räder: Auch hier, breite Räder fahren gut bei kleinen Größen.
  3. Unbedingt Luftreifen: Luftreifen federn besser und überwinden besser Hindernisse.
  4. Zulässiges Gesamtgewicht: Ich wiege gut 92 Kg, möchte auch noch etwas an Gepäck mitnehmen können, hatte darum die Anforderung 120 Kg.
  5. Reichweite: 30 km + sollten es schon sein, damit man nicht ständig laden muss.
Sicherheit: 
  1. Breites und sicheres Trittbrett,
  2. gute Bremsen,
  3. gutes Licht,
  4. Blinker.
  5. Packmaß: Er sollte faltbar sein und auch mal in den Kofferraum von einem Taxi passen oder einem anderen, normalen PKW.

Nach Sondierung des Marktes blieben 3 Scooter zur Wahl

  1. BMW X2 City

  2. Metz Moover

  3. Io Hawk Exit Cross
Das große Plus des BMW sind zugelassene 150 Kg Gesamtgewicht und die großen Räder. Auch sonst ein Scooter auf richtig hohem Niveau. Aber, leider nur ein 250 Watt Motor der das Befahren von Steigungen zum Kraftakt werden lässt. Ganz zu schweigen vom gigantischen Packmaß.

Der Metz Moover viel aus der engeren Wahl wegen 110 Kg zul. Gesamtgewicht, 250 Watt Motor, nur max. 20 Km Reichweite und dem großen Packmaß.

Es blieb also nur der Exit Cross. 500 Watt Motor, 120 Kg Zuladung (laut Herstellerseite, Reichweite 30km/bzw. 48 Km je nach Variante. 10 Zoll Luftreifen und “noch” kompaktes Packmaß.

Nun benutze ich Ihn seit gut 6 Wochen und stelle Ihn mit all seinen Vorteilen, wie auch Nachteilen hier vor.

Erster Gesamteindruck

Beim auspacken viel mir seine massive Bauweise als erstes ins Auge, alles wirkt sehr grob, sehr stabil, unverwüstbar. Der Dodge RAM unter den Scootern. 20 Kg “Kampfgewicht” sind eine echte Ansage und für eine Frau nicht wirklich gut zu händeln. Es ist ein echtes “Männerteil”.

Verarbeitung und Material

Im großen und Ganzen ist der Roller gut verarbeitet. Ja, man merkt an manchen Stellen, das es Chinaware ist. Der Frontreflektor sitzt nicht mittig, der Scheinwerfer auch nicht ganz. Das Display und der Schalter für Licht/Blinker/(nicht angeschlossener) Hupe sind aus sehr billigem Plastik. Das Display wird aus meiner Erfahrung heraus nicht lange Freude machen.

Erste Fahrten

Da ich bereits Leih - Roller gefahren bin konnte ich die “Sache” relativ relaxt angehen. Scooter aufladen und am nächsten Morgen eine coole Spazierfahrt. Was sofort auffiel im Vergleich zum Leih - Roller ist der starke Vortrieb. Hier merkt man den 500 Watt Motor.
Leider beginnt der Vortrieb etwas zögerlich, nach einem Ankicken braucht der Exit Cross so eine kleine "Gedenksekunde" zum Los-Sprinten (soll im März, laut Hersteller durch ein Firmware Update behoben werden).
Unebenheiten nimmt der Exit Cross locker und die breiten, 10 Zoll-Räder geben einem ein Gefühl von Sicherheit. Ein starkes Vibrieren am Lenker trübte den sonst positiven Eindruck. Wie sich herausstellte lag es an einer Unwucht im Reifen. Nach einem Anruf bei IO Hawk wurde mir ein neues, komplettes Vorderrad zugesendet. Nach dem Tausch schickte ich dann das alte Vorderrad zurück.

Schotter, Feldweg, Wiese sind kein Problem, man hat immer ein sicheres Gefühl. Der Hinterradantrieb hat den Vorteil, dass beim Hochfahren von Bordsteinen der Vortrieb erhalten bleibt wenn das Vorderrad in der Luft ist. Situationen bei denen das Hinterrad in der Luft ist hatte ich in der Tat noch nicht.

Aber nun zum großen Plus. Mit den Leihrollern von Tier (andere bin ich noch nicht gefahren) ging es am Berg sehr zäh zu, zum Teil musste man schieben. Nun hatte ich in Bochum die Gelegenheit dieselben Steigungen noch Mal zu fahren, diesmal mit dem exit Cross und einem Rucksack auf dem Rücken mit ca 15 Kg Gewicht. Es war erstaunlich! Der Exit Cross nimmt die Steigung einfach weiterhin mit 19 - 20 Km/h. Kein Leistungsabfall. Auch bei mir Zuhause an der schweizer Grenze mit seinen vielen Steigungen hatte ich bisher nur eine Steigung bei welcher ich “mitkicken” musste um hochzukommen. Für mich, in meiner Gewichtsklasse (92 Kg) ganz klar, keinen Scooter unter 500 Watt.

Reichweite/Akku

Also ich habe in meinem Exit Cross den “kleinen” Akku, 10,4 Ah. Die Reichweite ist mit 30 Km angegeben. Das schaffte meiner nicht bei 9 Grad Temperatur. Dies ist jedoch allgemein bekannt, das der Akku an Leistung verliert, je kälter es ist. Nach 22,7 Km war dann war “Ende Gelände”. Nach ca 19 Km war nur noch ein Balken da, bin dann auf 12 Km/h runter um Strom zu sparen und weil ich mir dachte, lieber mit 12 Km/h Fahren als mit 4 Km/h Schieben. Werde den Test noch Mal bei Temperaturen oberhalb 18 Grad wiederholen.

Handling Unterweg und im Alltag

Ja, der Exit Cross wiegt knapp 20 Kg. Ihn auf die Ladefläche eines PickUps zu wuchten oder in einen Kofferraum macht keinen Spass, aber es geht und wenn man groß und kräftig ist stört es auch nicht, solange man es nicht 3 Mal am Tag machen muss. Bei Zugfahrten nehme ich tatsächlich am liebsten den Aufzug, wenn es schnell gehen muss aber auch die Treppe. Dazu klappe ich den Scooter nicht zusammen, ich nehme Ihn mit der linken Hand am Trittblech und mit der rechten Hand an Lenkstange (nicht am Lenker).

Im Zug praktisch, geklappt passt er ins
Gepäckfach und zwischen den Sitzen


Das Trittbrett ist Lang...
... und Breit genug, auch bei 
Schuhgröße 47


Der Faltmechanismuss

Das Falten geht wirklich fix. Sicherheit - Splint ziehen, Sicherheitsverriegelung nach unten drücken, dann noch ein Tastendruck und die Lenkstange legt sich in Richtung Schutzblech, stopp vorher und verriegelt. Somit kann man den Exit Cross gut tragen (als Gewichtheber “ ok, ein Scherz”).


Im Zug passter er hinter oder zwischen die Sitzbänke (IC/ICE) sofern man die Lenkstange etwas einschiebt. Aber auch an dieser Steller macht sich sein Gewicht bemerkbar, leichtes Handling sieht anders aus. Ich denke als Durchschnittsfrau ist der Exit Cross auf Reisen nicht Handlebar. Zum Fahren jedoch jederzeit.

Licht und Schatten

Ein absolutes No-Go ist jedoch die Tatsache, dass der Exit Cross weder abschließbar noch sonst zu sichern ist von Haus aus. Es gibt weder Schloss noch eine App um den Scooter zu verriegeln. Jeder kann auf den Scooter steigen und einfach losfahren.Man benötigt in jedem Fall ein Schloss. Über die Webseite der Firma IO Hawk kann man ein Faltschloss beziehen, auf mich persönlich wirkt es jedoch nicht wirklich sehr sicher. Ich sichere den Exit Cross mit einem Bügelschloss der Marke Kryptonite, das 2130 Evolution Standard. Ich benutze es, wie auf den Fotos zu sehen. Sehr praktisch ist die Halterung des Schlosses, das Schloss ist fest an der Lenkstange und ich kann einen lichtstarken Fahrradscheinwerfer daran befestigen. Zudem habe ich eine Alarmanlage montiert und einen GPS-Tracker “eingebaut”.

Am Schloss kann ich gut eine
Fahrradlampe befestigen.
Die Alarmanlage ist klasse, echt!


Das Display ist am Tag mit eingeschaltetem Licht überhaupt nicht ablesbar, bei ausgeschaltetem Fahrlicht kann man ein wenig was erkennen. Da jedoch eh nur die Geschwindigkeit (19/20 km/h) angezeigt wird und die Balken der Akkuanzeige plus Volt, kann man darauf verzichten. Schade ist es trotzdem. Ich nachhinein ärgert es mich, dass ich nicht eine Panzerglasfolie von irgend einer SmartWatch draufgeklebt habe, das Plastik des Display ist extrem kratz empfindlich.

das "Glas" aus Plastik spiegelt sehr.....

... und viel Information gibt es auch nicht.


Das Anbringen des Versicherungskennzeichens auf dem riesigen “Kuchenblech” ist nicht wirklich optimal, ich habe es anders gelöst und auch schon ein Feedback von einem Polizisten (den ich deswegen gefragt habe) erhalten. Er sagte, es sei Ok. Klar, das Vers.-Kennzeichen sollte unter dem Licht angebracht sein, wichtig ist jedoch, das es von folgenden Fahrzeugen klar erkannt wird.

Das große "Kuchenblech" einfach weggelassen




Die hintere Beleuchtung ist ein Akku/Batterie betriebenes Fahrrad Rücklicht. Mir unverständlich warum es kein Pedelec-Rücklicht ist welches über den Akku des Scooters gespeist wird (Soll laut Hersteller auch im März/April kommen). Da mir das werkseitig verbaute Rücklicht zu “klapprig” war und man es nicht einfach beim Abstellen mitnehmen konnte habe ich es gegen eines der Firma Busch & Müller getauscht.





So fantastisch es auch ist, dass sich die Lenkergriffe wegklappen lassen für den Transport, so ärgerlich ist es, das am Lenker fast kein Platz ist um etwaiges Zubehör zu befestigen.

Sehr wenig Platz für Zubehör

Licht An/Aus, Blinker, Hupe (nicht angeschlossen,
da in Deutschland der Gesetzgeber eine Klingel
für sinnvoller hält im lauten Straßenverkehr.


Das Frontlicht ist in der Stadt akzeptabel, über Land ohne Fremde Beleuchtung (Straßenlaternen) jedoch viel zu schwach. Ich schätze, es handelt sich um eine 30 bzw. max. 50 Lux Lampe. Auch diese werde ich noch tauschen.



Blinker! Sofern die Blinker wirklich bald kommen sind diese ein absolutes Kaufargument für diesen Scooter, welcher sich damit eine Alleinstellung auf dem Deutschen Scooter Markt geschaffen hat. Das Arme Ausstrecken zum Abbiegen ist wirklich auf einem Scooter nicht einfach und wird jedesmal zu einer gefährlichen Wackel-Aktion. Ist es dann noch der Arm, mit welchem man Gas Geben sollte wird es ganz lustig. Was sich der Gesetzgeber dabei gedacht hat ist nicht nachvollziehbar. Ich gehe davon aus, daß keiner der Herren jemals auf einem Scooter gefahren ist und wenn doch, dann irgendwo auf einem Testgelände.

Meine Lösung für das Thema “Blinken” ist erst Mal ein Helm mit integrierten Blinkern, den ich im nachfolgendem Test näher beschreiben und vorstellen werde. Soviel sei verraten, Harry Potter Fans werden den Namen des Helmes sofort erkennen und verstehen ……..

Fazit

    +    Starker 500 Watt Motor der auch Steigungen gut bewältigt
    +    120 KG Zuladung sind top
    +    Große, breite Luftreifen für sicheres Fahrverhalten
    +    Gut gefedert, auch auf groben Untergrund
    +    Ultra breites Trittbrett.
    +    Blinker (Vorbereitung ist da, sollen im März nachgeliefert werden
    +    Gut zu falten, Griffe klappen ein
    +    Zwei Scheibenbremsen mit guter Verzögerung

    -    Frontlicht und Reflektor nicht 100% Mittig montiert, Licht “Überland” zu              schwach
    -    19,8 KG echt schwer für diese Akkukapazität
    -    Keine Abschließmöglichkeit im/am Scooter (Wegfahrsperre oder so)
    -    Display schlecht ablesbar, zerkratzt leicht, wenig Information
    -    Rücklicht wird nicht über Fahr-Akku betrieben (soll geupdatet werden)
    -    Kein Bremslicht (soll geupdatet werden)
    -    Kennzeichenhalterung nicht gut gelöst
    -    Wenig Platz am Lenker für Zubehör (Handyhalter usw.)

Ob die Blinker geliefert wurden und wie das Update gelaufen ist werde ich in einem Update veröffentlichen.

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